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Jonas Schmitz
ende

Nachfolge & Mittelstand

Die Nachfolgewelle in Zahlen was wirklich auf den Mittelstand zukommt

Über die Unternehmensnachfolge im Mittelstand wird viel behauptet und wenig belegt. Dieser Beitrag stellt die aktuellen Zahlen von IfM Bonn, KfW und DIHK nebeneinander, benennt ihre methodischen Grenzen und sagt am Ende ausdrücklich, welche Fragen sich mit den verfügbaren Erhebungen nicht beantworten lassen.

5. August 2026 · 9 Min. Lesezeit

Deutschlandkarte in Gold mit Symbolen für Handwerk, Gastronomie, Industrie, Handel und Dienstleistung
Die Nachfolgefrage stellt sich quer durch alle Branchen. Eigene Darstellung — die Zahlen dazu stehen in diesem Beitrag mit Quelle.

Wie groß die Welle wirklich ist

Das Institut für Mittelstandsforschung Bonn schätzt, dass im Zeitraum 2026 bis 2030 rund 186.000 Unternehmen in Deutschland zur Übergabe anstehen. Das sind etwa 4.000 weniger als im vorangegangenen Fünfjahreszeitraum. Bemerkenswert ist der Grund für diese Stagnation: Die Inhaberschaft altert weiter, aber die Ertragslage vieler Unternehmen hat sich verschlechtert — und in die Schätzung fließen nur Unternehmen ein, die einen Gewinn erwirtschaften, der eine Übernahme wirtschaftlich sinnvoll macht.

Diese Einordnung ist wichtiger, als sie klingt. Von den rund 3,6 Millionen Unternehmen in Deutschland sind etwa 3,2 Millionen Familienunternehmen. Davon gelten nach der Definition des IfM 733.000 als übernahmewürdig, und aus genau dieser Gruppe stammen die 186.000. Es geht also nicht um jedes Unternehmen, sondern um ertragsstarke Familienunternehmen, bei denen die Inhaberschaft altersbedingt ausscheidet.

Es handelt sich um eine Schätzung, nicht um eine Zählung. Das IfM legt sein Verfahren offen und stützt es auf amtliche Daten — Unternehmensregister, Umsatzsteuerstatistik, Mikrozensus, Jahresabschlüsse der Bundesbank. Wer die Zahl zitiert, sollte sie als Schätzung kennzeichnen.

Warum zwei große Zahlen nicht dasselbe messen

Die KfW kommt in ihrem Nachfolge-Monitoring auf ganz andere Größenordnungen: Bis Ende 2029 streben rund 545.000 der 3,87 Millionen mittelständischen Unternehmen eine Nachfolge an, also jährlich etwa 109.000. Diese Zahl ist nicht falsch, und die des IfM ist es auch nicht. Sie messen Verschiedenes.

Die KfW arbeitet mit einem bewusst weiten Mittelstandsbegriff, der bis zu 500 Millionen Euro Umsatz reicht und Kleinstunternehmen wie Soloselbstständige einschließt. Außerdem erfasst sie Absichten: Es sind Pläne von Inhaberinnen und Inhabern, keine vollzogenen Übergaben. Das IfM dagegen schätzt tatsächlich anstehende Übertragungen ertragsstarker Familienunternehmen.

Beide Zahlen dürfen deshalb weder addiert noch gegeneinandergestellt werden. Wo sie in einem Text nebeneinander auftauchen, gehört diese Unterscheidung dazu — sonst entsteht ein Bild, das keine der beiden Quellen deckt.

Das Alter ist der eigentliche Treiber

Die aussagekräftigste Entwicklung liegt in der Altersstruktur. Im Jahr 2025 waren 57 Prozent der mittelständischen Unternehmerschaft 55 Jahre oder älter — über zwei Millionen Menschen. Im Jahr 2003 lag dieser Anteil bei 20 Prozent. Der Anteil hat sich in gut zwanzig Jahren also nahezu verdreifacht.

36 Prozent der Inhaberinnen und Inhaber waren 2025 älter als 60 Jahre; 2003 waren es 12 Prozent. Das Durchschnittsalter liegt inzwischen bei gut 54 Jahren, vor zwanzig Jahren waren es 45.

Die für mich eindrücklichste Einzelzahl steht etwas versteckt in derselben Erhebung: Wer eine Nachfolge kurzfristig, also bis Ende 2026, anstrebt, ist im Schnitt bereits 66,5 Jahre alt — und damit im Mittel über dem gesetzlichen Renteneintrittsalter. Der Vorlauf ist bei vielen also nicht knapp, sondern bereits aufgebraucht.

Kein reines Angebotsproblem, sondern ein Matching-Problem

In der Nachfolgeberatung der Industrie- und Handelskammern standen im Jahr 2024 insgesamt 9.636 beratene Unternehmen auf Nachfolgesuche 4.016 beratenen Übernahmeinteressenten gegenüber. Rechnerisch kommen damit auf jeden Interessenten mehr als zwei abgabewillige Unternehmen.

Dieser oft zitierte Faktor braucht eine Einschränkung, die meist wegfällt: Es ist ein Verhältnis innerhalb der Kammerberatung, kein gesamtwirtschaftlicher Nachfrageüberhang. Abgabewillige suchen deutlich häufiger eine Beratung auf als Übernehmer, und viele Nachfolgen laufen ganz ohne Kammer — über die Familie, über die eigene Mannschaft, über Berater.

Ein Wert aus derselben Erhebung deutet allerdings darauf hin, dass es eben nicht nur an fehlenden Interessenten liegt: 49 Prozent der Senior-Unternehmerinnen und -Unternehmer hatten zum Zeitpunkt der Beratung noch keine passende Nachfolge gefunden — und mit 48 Prozent berichten die Interessenten fast genau denselben Anteil. Wenn beide Marktseiten in gleichem Maß niemanden finden, ist das Problem weniger ein Mangel als ein Zusammenfinden.

Die Lücke wächst: 5.620 Unternehmen in der Kammerberatung stand 2024 kein potenzieller Kandidat gegenüber, ein historischer Höchststand. Seit 2019 hat sich diese Lücke fast verdoppelt.

Wie viele bewusst aufgeben — und was das bedeutet

Bis Ende 2029 planen rund 569.000 mittelständische Inhaberinnen und Inhaber, ihr Unternehmen nach dem eigenen Rückzug nicht fortzuführen; das entspricht jährlich etwa 114.000 Geschäftsaufgaben. Im Jahr 2025 zieht jedes vierte mittelständische Unternehmen eine bewusste Aufgabe in Erwägung.

Hier lohnt Genauigkeit. Diese Zahlen beschreiben überwiegend geplante, bewusste Stilllegungen — häufigster Grund ist mit 52 Prozent schlicht das Erreichen des Rentenalters. Es sind nicht durchweg gescheiterte Nachfolgen. Wer sie als solche darstellt, überzeichnet.

Für den kurzen Horizont nennt die KfW eine Zahl, die sie selbst als sehr verlässlich einstuft: Rund 243.000 zum Erhebungszeitpunkt wirtschaftsaktive Mittelständler würden bis Ende 2026 ohne Nachfolgeregelung aus dem Markt austreten — sofern alle Inhabenden mit Stilllegungsplänen diese auch umsetzen. Diese Bedingung gehört zur Zahl dazu.

Von den Unternehmen, die eine Nachfolge in den kommenden zwei Jahren realisieren wollen, müssen rund 14 Prozent mit dem Scheitern ihrer Pläne rechnen, bei weiteren 21 Prozent sind Verzögerungen zu erwarten. Auch das ist keine gemessene Scheiterquote, sondern eine Ableitung aus dem Planungsstand: Ein Teil ist noch gar nicht in den Prozess eingestiegen, ein weiterer hat bislang nur Informationen gesammelt.

Rheinland-Pfalz: genau Durchschnitt

Für Rheinland-Pfalz schätzt das IfM rund 8.800 Unternehmen, die zwischen 2026 und 2030 zur Übergabe anstehen. Gemessen am Unternehmensbestand sind das 52 Übergaben je 1.000 Unternehmen — und damit exakt der Bundesdurchschnitt, bei einer Spanne von 40 in Berlin bis 61 in Niedersachsen.

Das ist ein Befund, der gegen die eigene Erzählung spricht, und deshalb steht er hier: Eine regionale Sonderrolle lässt sich aus dieser Zahl nicht begründen. Rheinland-Pfalz ist relativ zum Unternehmensbestand ein durchschnittliches Bundesland. Wer hier etwas Besonderes behauptet, müsste es anders belegen.

Eine Befragung der Hochschule Mainz gemeinsam mit den rheinland-pfälzischen Kammern und dem Wirtschaftsministerium kommt für die kommenden fünf Jahre auf rund 9.000 Unternehmen — eine Größenordnung, die die unabhängig ermittelte IfM-Schätzung stützt. Zwei Drittel der Befragten haben noch keine konkreten Pläne für die Übergabe.

Der interessanteste Wert dieser Befragung betrifft die Wirkung von Beratung: Rund 60 Prozent derjenigen, die bereits Beratung in Anspruch genommen haben, verfügen über konkrete Nachfolgepläne. Ohne Beratung liegt der Anteil deutlich unter 20 Prozent. Es ist eine Freiwilligenbefragung über Kammerkanäle, also keine Zufallsstichprobe — der Abstand ist trotzdem bemerkenswert.

Was diese Zahlen nicht sagen

Vier Fragen lassen sich mit den verfügbaren Erhebungen nicht sauber beantworten, und ich halte es für richtiger, das zu benennen, als zu schätzen.

Erstens: Wie viele Arbeitsplätze betroffen sind. Die aktuelle IfM-Ausgabe weist dazu keine Zahl aus. Angaben, die im Umlauf sind, stammen aus älteren Ausgaben und lassen sich nicht auf den Zeitraum 2026 bis 2030 übertragen.

Zweitens: Wie hoch der Anteil der über 65-Jährigen ist. Die KfW bricht ihre oberste Altersklasse nicht weiter auf als über 60 Jahre.

Drittens: Wie lange eine Übergabe im Durchschnitt tatsächlich dauert. Dazu existiert keine Erhebung. Belegbar ist nur, wie spät sich Betriebe Hilfe holen — drei Viertel der von den Kammern beratenen Unternehmen melden sich erst zwei Jahre oder kürzer vor der geplanten Übergabe — und was die Kammern empfehlen, nämlich drei bis zehn Jahre Vorlauf. Eine Empfehlung ist kein gemessener Durchschnitt.

Viertens: Wie viele Betriebe im Kammerbezirk Koblenz betroffen sind. Die Schätzung endet auf Bundeslandebene. Die Landeszahl auf einen Kammerbezirk herunterzurechnen wäre methodisch unzulässig, und der Rechenweg würde einer fachlichen Prüfung nicht standhalten.

Quellen

IfM Bonn, Daten und Fakten Nr. 37: Unternehmensnachfolgen in Deutschland 2026 bis 2030, veröffentlicht November 2025. Abrufbar unter ifm-bonn.org.

KfW Research, Fokus Volkswirtschaft Nr. 526: Nachfolge-Monitoring Mittelstand 2025, veröffentlicht am 9. Januar 2026, Erhebung Frühjahr 2025 auf Basis des KfW-Mittelstandspanels. Abrufbar unter kfw.de.

DIHK, Report Unternehmensnachfolge 2025: Zeit zu handeln — Unternehmensnachfolgen einfacher machen, veröffentlicht 2025 auf Basis der IHK-Beratungsstatistik des Jahres 2024. Abrufbar unter dihk.de.

Hochschule Mainz gemeinsam mit den rheinland-pfälzischen Industrie- und Handelskammern, den Handwerkskammern und dem Wirtschaftsministerium: Nachfolgestudie 2025, veröffentlicht am 30. April 2025.

Stand der Recherche: August 2026. Sollten inzwischen neuere Ausgaben vorliegen, gelten deren Werte.

Die Zahlen tragen die Aussage, dass viele gesunde Betriebe in den nächsten Jahren eine Nachfolge brauchen und ein erheblicher Teil davon keine finden wird. Sie tragen nicht jede Zuspitzung, die daraus gemacht wird. Wer als Inhaberin oder Inhaber vor dieser Frage steht, gewinnt durch Vorlauf mehr als durch jede Statistik.